20. August 2026 Janine Praxmarer
Im ersten Teil habe ich darüber geschrieben, welche Möglichkeiten künstliche Intelligenz im Recruiting bietet – und warum ich sie eher als Unterstützung denn als Bedrohung sehe. Doch je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr drängt sich eine andere Frage auf: Wie viel Automatisierung ist eigentlich sinnvoll?
Denn nur weil etwas technisch möglich ist, bedeutet das meiner Meinung nach nicht automatisch, dass wir es auch komplett automatisieren sollten. Gerade beim Recruiting finde ich diese Frage besonders wichtig.
Effizienz ist nicht alles
Unternehmen möchten verständlicherweise effizient arbeiten. Wenn eine offene Stelle besetzt werden muss, soll das möglichst schnell gehen. Bewerbungen sollen zügig bearbeitet und passende Kandidaten unkompliziert gefunden werden. Das ist nachvollziehbar.
Aber ich glaube, dass Recruiting nicht ausschließlich nach Geschwindigkeit beurteilt werden sollte. Was bringt es einem Unternehmen, wenn eine Stelle extrem schnell besetzt wird, die Person aber nach kurzer Zeit wieder geht, weil es einfach nicht gepasst hat? Dann war der Prozess vielleicht schnell, aber nicht unbedingt erfolgreich.
Nicht nur: „Wie schnell finden wir jemanden?“ – sondern vor allem: „Finden wir die richtige Person?“
Und zwischen diesen beiden Fragen liegt ein großer Unterschied.
Wie fühlt sich ein automatisierter Bewerbungsprozess an?
Ich finde es interessant, einmal die Perspektive des Bewerbers einzunehmen. Stell dir vor, du bewirbst dich bei einem Unternehmen. Du schickst deine Unterlagen ab und bekommst sofort eine automatische Eingangsbestätigung. Danach wird deine Bewerbung von einem System analysiert. Vielleicht beantwortet eine KI deine Fragen. Vielleicht wird sogar ein erstes Gespräch automatisiert durchgeführt.
Alles funktioniert schnell. Alles ist digital. Alles ist effizient. Aber wie fühlt sich das für den Bewerber an? Hat man das Gefühl, dass sich jemand wirklich mit der eigenen Bewerbung beschäftigt – oder fühlt es sich irgendwann so an, als wäre man nur noch eine Nummer in einem System?
„Hinter jeder Bewerbung steckt ein Mensch – mit einer beruflichen Zukunft, um die es geht.“
Vielleicht ist dieser Mensch schon seit Wochen oder Monaten auf Jobsuche. Vielleicht hat er seinen bisherigen Job verloren. Vielleicht möchte er sich beruflich verändern oder sucht nach einer besseren Möglichkeit, Familie und Beruf miteinander zu verbinden. Für den Bewerber ist die Bewerbung also nicht einfach irgendein Vorgang.
Auch Bewerber nutzen KI
Interessant ist dabei, dass KI natürlich nicht nur Unternehmen zur Verfügung steht. Auch Bewerber können sie verwenden. Ein Lebenslauf kann optimiert werden, ein Anschreiben erstellt, Bewerbungsgespräche mit KI vorbereitet und Fragen geübt werden. Das ist zunächst einmal eine gute Möglichkeit, sich besser vorzubereiten.
Aber dadurch verändert sich auch die Bewerbung selbst. Wenn immer mehr Bewerber KI nutzen, um ihre Unterlagen möglichst professionell aussehen zu lassen, werden Bewerbungen vielleicht irgendwann immer ähnlicher. Und dann stellt sich wieder die Frage: Wie finden wir eigentlich heraus, wer hinter diesen perfekten Bewerbungsunterlagen steckt?
Für mich wird dadurch das persönliche Gespräch nicht weniger wichtig, sondern vielleicht sogar wichtiger.
Was ein Gespräch leisten kann, was ein Lebenslauf nicht kann
Wenn ich mit einem Kandidaten spreche, bekomme ich einen ganz anderen Eindruck. Ich höre, wie jemand kommuniziert. Ich kann Fragen stellen. Ich kann nachhaken. Ich kann verstehen, warum jemand einen bestimmten beruflichen Weg gegangen ist. Und manchmal erfährt man dabei Dinge, die im Lebenslauf überhaupt nicht stehen.
- Vielleicht hat jemand eine berufliche Pause gemacht, weil er sich neu orientieren musste.
- Vielleicht hat jemand bewusst eine andere Richtung eingeschlagen.
- Vielleicht fehlt eine bestimmte Qualifikation, aber die Person ist bereit, sie nachzuholen.
- Vielleicht wirkt eine Erfahrung im Lebenslauf zunächst unwichtig – und stellt sich im Gespräch als großer Vorteil heraus.
Genau solche Dinge machen Recruiting für mich interessant.
Was passiert, wenn eine KI einen Menschen falsch einschätzt?
Ein weiterer Punkt, über den ich bei diesem Thema nachdenke, ist die Verantwortung. Wenn eine KI Bewerbungen analysiert und bestimmte Kandidaten aussortiert, stellt sich irgendwann die Frage: Wer entscheidet eigentlich über die berufliche Zukunft eines Menschen?
Natürlich wird niemand ernsthaft behaupten, dass eine KI bewusst jemanden „ablehnen“ möchte. Aber Systeme arbeiten anhand von Daten und bestimmten Kriterien. Und genau deshalb besteht die Gefahr, dass ein Kandidat, der nicht in das erwartete Schema passt, gar nicht erst berücksichtigt wird. Dabei könnte gerade dieser Kandidat interessant sein.
- Vielleicht ist es ein Quereinsteiger.
- Vielleicht jemand mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf.
- Vielleicht jemand, der nicht jede Anforderung erfüllt, aber dafür sehr motiviert ist.
- Vielleicht jemand mit zehn Jahren Erfahrung in einem Bereich, die nicht exakt der Stellenbeschreibung entspricht, aber gut übertragbar wäre.
Deshalb würde ich Entscheidungen über Menschen nie komplett automatisieren. KI kann unterstützen. Aber meiner Meinung nach sollte am Ende immer ein Mensch hinschauen.
Der persönliche Kontakt wird möglicherweise sogar wichtiger
Das klingt vielleicht zunächst etwas widersprüchlich: Je mehr wir automatisieren, desto wichtiger könnte der persönliche Kontakt werden. Denn wenn immer mehr Kommunikation automatisiert stattfindet, wird ein echtes Gespräch möglicherweise wieder zu etwas Besonderem.
Ein Kandidat merkt den Unterschied, wenn er nicht nur eine automatische Nachricht bekommt, sondern tatsächlich jemanden erreicht, der seine Bewerbung kennt und sich damit beschäftigt hat. Auch Unternehmen können davon profitieren: Recruiting ist nicht nur eine Dienstleistung für das Unternehmen, sondern auch ein Teil seiner Außenwirkung. Wie ein Unternehmen mit Bewerbern umgeht, sagt einiges über die Unternehmenskultur aus.
KI und Mensch müssen keine Gegenspieler sein
Deshalb sehe ich diese Entwicklung nicht als Kampf zwischen Mensch und Maschine. Ich glaube vielmehr, dass es darum geht, die Stärken beider Seiten miteinander zu verbinden.
- KI ist schnell.
- KI kann große Mengen an Informationen verarbeiten.
- KI kann bei Routineaufgaben helfen.
- Der Mensch kann zuhören, nachfragen, Zusammenhänge verstehen und Situationen individuell beurteilen.
Warum sollte man diese Stärken nicht kombinieren? Genau das wäre für mich der sinnvollste Weg.
Ich glaube, dass Automatisierung im Recruiting viele Vorteile bringen kann. Aber sie sollte nicht zum Selbstzweck werden. Nur weil wir einen Prozess automatisieren können, heißt das nicht, dass wir ihn vollständig automatisieren müssen. Für mich sollte die Technologie den Menschen unterstützen und nicht aus dem Recruiting entfernen. Denn wenn es um die berufliche Zukunft von Menschen geht, finde ich den persönlichen Kontakt weiterhin sehr wichtig.
Wenn KI immer mehr Aufgaben übernehmen kann – was macht dann eigentlich noch einen guten Recruiter aus? Darum geht es im dritten und letzten Teil.