19. August 2026 Janine Praxmarer
Künstliche Intelligenz ist mittlerweile aus unserem Alltag kaum noch wegzudenken. Wir verwenden sie, teilweise ganz selbstverständlich, um Texte zu schreiben, Informationen zusammenzufassen, Ideen zu entwickeln oder uns bei verschiedenen Aufgaben unterstützen zu lassen. Auch in der Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Und natürlich macht diese Entwicklung auch vor dem Recruiting nicht halt.
Gerade im Personalbereich ist das Thema künstliche Intelligenz für mich besonders spannend. Denn Recruiting hat sich schon vor der Einführung von KI stark verändert. Bewerbungen werden digital verschickt, Kandidaten werden über soziale Netzwerke angesprochen und viele Unternehmen nutzen Bewerbermanagementsysteme, um den gesamten Prozess zu organisieren. KI ist nun der nächste Schritt in dieser Entwicklung.
Dabei stellt sich für mich allerdings eine Frage, die wahrscheinlich viele Recruiter beschäftigt: Ist KI eine große Chance für unser Berufsbild oder müssen wir irgendwann Angst haben, dass sie unsere Arbeit komplett übernimmt?
Ich persönlich sehe die Entwicklung nicht ganz so schwarz oder weiß.
Was KI im Recruiting bereits verändern kann
Wenn man sich anschaut, was künstliche Intelligenz heute bereits leisten kann, ist es durchaus beeindruckend. Eine KI kann Texte erstellen, Stellenanzeigen formulieren oder überarbeiten, Informationen strukturieren und große Mengen an Daten in kurzer Zeit analysieren.
Gerade im Recruiting gibt es viele Aufgaben, bei denen das hilfreich sein kann.
Stellen wir uns einmal vor, ein Unternehmen sucht einen neuen Mitarbeiter und erhält mehrere hundert Bewerbungen. Für einen Recruiter bedeutet das zunächst einmal sehr viel Arbeit. Bewerbungsunterlagen müssen gesichtet, Informationen verglichen und Kandidaten nach bestimmten Kriterien eingeordnet werden.
Technologie kann dabei unterstützen, schneller einen Überblick zu bekommen.
Auch bei Stellenanzeigen sehe ich großes Potenzial. Eine KI kann beispielsweise dabei helfen, eine bestehende Stellenbeschreibung verständlicher oder ansprechender zu formulieren. Sie kann verschiedene Formulierungen vorschlagen oder dabei helfen, eine Anzeige auf unterschiedliche Zielgruppen auszurichten.
Das bedeutet aber für mich nicht, dass eine KI die komplette Arbeit des Recruiters übernehmen muss. Vielmehr kann sie einen Teil der Arbeit erleichtern.
Muss ein Recruiter wirklich jede Routineaufgabe selbst erledigen?
Wenn ich über den Einsatz von KI im Recruiting nachdenke, komme ich immer wieder zu einer ziemlich einfachen Frage: Muss ein Recruiter wirklich jede einzelne Aufgabe selbst erledigen, nur weil sie zum Recruiting gehört?
Ich denke nicht.
Wenn mir eine Technologie dabei hilft, eine Stellenanzeige schneller vorzubereiten oder Informationen übersichtlich zusammenzufassen, sehe ich darin keinen Verlust meiner Arbeit. Im Gegenteil. Die gewonnene Zeit kann ich für andere Dinge verwenden.
Und genau hier liegt für mich eine der größten Chancen von KI. Ein Recruiter sollte meiner Meinung nach nicht möglichst viel Zeit damit verbringen, Informationen manuell zusammenzutragen oder immer wieder dieselben Texte zu formulieren. Diese Zeit könnte sinnvoller eingesetzt werden.
- Für Gespräche mit Kandidaten
- Für Gespräche mit Unternehmen
- Für die Beratung eines Kunden
- Oder einfach dafür, einen Kandidaten wirklich kennenzulernen
Denn genau dort beginnt für mich das eigentliche Recruiting.
Ein Lebenslauf ist nicht der Mensch
Ein Punkt ist mir bei diesem Thema besonders wichtig: Ein Lebenslauf ist zwar eine wichtige Informationsquelle, aber er zeigt niemals den kompletten Menschen.
Natürlich möchte ein Unternehmen wissen, welche Ausbildung ein Kandidat hat und welche beruflichen Erfahrungen er mitbringt. Das ist wichtig. Schließlich muss eine bestimmte fachliche Grundlage vorhanden sein.
Aber reicht das allein aus? Ich glaube nicht.
Ein Lebenslauf kann uns beispielsweise sagen, dass jemand fünf Jahre Berufserfahrung hat. Er kann uns aber nicht vollständig sagen, wie diese Person mit anderen Menschen umgeht.
Er kann uns zeigen, welche Ausbildung jemand gemacht hat. Aber er zeigt nicht unbedingt, wie motiviert jemand ist.
Er kann uns bestimmte Fähigkeiten nennen. Aber er zeigt nicht, ob jemand gut in ein bestimmtes Team passt.
Und genau deshalb finde ich es schwierig, Recruiting ausschließlich anhand von Daten und Lebensläufen zu betrachten.
Was passiert im persönlichen Gespräch?
Für mich wird es genau dann interessant, wenn ich mit einem Kandidaten spreche. Denn manchmal bekommt man durch ein Gespräch ein komplett anderes Bild als durch den Lebenslauf.
Vielleicht sieht ein Kandidat auf dem Papier zunächst nicht besonders außergewöhnlich aus. Im Gespräch merkt man dann aber, dass die Person unglaublich motiviert ist, sich weiterentwickeln möchte und genau die Einstellung mitbringt, die ein Unternehmen sucht.
Und manchmal passiert auch das Gegenteil.
Ein Kandidat erfüllt scheinbar jede einzelne Anforderung. Ausbildung, Berufserfahrung und Kenntnisse passen perfekt. Trotzdem stellt man im Gespräch fest, dass die Vorstellungen nicht zusammenpassen.
Vielleicht möchte der Kandidat etwas völlig anderes, als das Unternehmen anbieten kann. Vielleicht passen die Arbeitsweise oder die Erwartungen nicht zusammen.
Und genau solche Dinge sind für mich ein wichtiger Bestandteil des Recruitings.
Die richtige Person statt nur der passende Lebenslauf.
Deshalb würde ich die Aufgabe eines Recruiters nicht darin sehen, einfach den Lebenslauf zu finden, der am besten zu einer Stellenbeschreibung passt.
Es geht meiner Meinung nach vielmehr darum, herauszufinden, welcher Mensch hinter diesem Lebenslauf steckt und ob dieser Mensch wirklich zu der Position und zum Unternehmen passt.
Und genau deshalb sehe ich KI eher als Unterstützung.
- Sie kann mir helfen, schneller Informationen zu verarbeiten
- Sie kann mir auch helfen, Routineaufgaben zu reduzieren
- Und ja, sie kann mir helfen, mich besser vorzubereiten
Aber sie sollte meiner Meinung nach nicht dazu führen, dass der persönliche Kontakt verschwindet. Denn genau dieser persönliche Kontakt ist es, der Recruiting für mich ausmacht.
Mensch und Maschine, kein Entweder-oder
Ich sehe künstliche Intelligenz deshalb grundsätzlich als große Chance für das Recruiting. Sie kann uns Zeit sparen, Prozesse vereinfachen und bestimmte Aufgaben schneller erledigen.
Aber ich glaube nicht, dass dadurch automatisch der Recruiter überflüssig wird. Im Gegenteil: Wenn KI uns die Routinearbeit abnimmt, könnte dadurch sogar mehr Zeit für die eigentliche Aufgabe eines Recruiters entstehen – nämlich Menschen und Unternehmen zusammenzubringen.