21. August 2026 Janine Praxmarer
Nachdem ich mich in den ersten beiden Teilen mit den Möglichkeiten und Grenzen von künstlicher Intelligenz im Recruiting beschäftigt habe, komme ich immer wieder zu einer Frage zurück: Was macht einen guten Recruiter eigentlich aus?
Denn wenn KI in Zukunft immer mehr Aufgaben übernehmen kann, müssen wir uns vielleicht auch einfach mal überlegen, welche Aufgaben tatsächlich den Kern unseres Berufs ausmachen. Für mich ist die Antwort darauf ziemlich klar: Recruiting besteht nicht nur aus dem Suchen und Finden von Kandidaten. Es besteht vor allem daraus, Menschen und Unternehmen zu verstehen.
Ein guter Recruiter muss zuhören können
Für mich ist Zuhören eine der wichtigsten Eigenschaften im Recruiting. Und damit meine ich nicht einfach, dass man jemanden ausreden lässt. Man muss wirklich zuhören.
- Was möchte der Kandidat eigentlich?
- Warum möchte er seinen aktuellen Arbeitgeber verlassen?
- Was ist ihm bei einem neuen Job wichtig?
- Welche Vorstellungen hat er von seinem Arbeitsplatz?
Und manchmal sagt ein Kandidat vielleicht etwas ganz anderes, als er eigentlich meint. Vielleicht sagt jemand, dass er sich beruflich weiterentwickeln möchte – im Gespräch stellt sich dann heraus, dass er eigentlich vor allem mehr Verantwortung übernehmen möchte. Dafür muss man Fragen stellen, nachhaken und sich wirklich für die Person interessieren.
Auch das Unternehmen muss man verstehen
Eine Stellenanzeige beschreibt zwar eine Position, aber nicht immer das komplette Umfeld. Ein Unternehmen kann schreiben, dass es jemanden sucht, der teamfähig, flexibel und belastbar ist. Aber was bedeutet das konkret? Wie sieht das Team aus, wie arbeitet die Abteilung, wie viel Eigenständigkeit wird erwartet, wie ist die Unternehmenskultur?
Manchmal stellt sich im Gespräch mit dem Unternehmen heraus, dass das eigentliche Anforderungsprofil etwas anders aussieht als die ursprüngliche Stellenbeschreibung — genau hier kann ein Recruiter einen Mehrwert bieten.
Recruiting ist für mich nicht einfach eine Lebenslauf-Suche
Natürlich kann KI dabei helfen, passende Profile zu finden. Sie kann Lebensläufe analysieren und Kriterien vergleichen. Aber Recruiting ist für mich keine mathematische Aufgabe. Es geht nicht darum, dass jemand 95 Prozent der Anforderungen erfüllt und deshalb automatisch die beste Person ist.
Manchmal erfüllt jemand 70 Prozent und passt trotzdem perfekt. Und manchmal erfüllt jemand 100 Prozent und passt trotzdem nicht. Das ist für mich einer der größten Unterschiede zwischen Datenanalyse und Recruiting.
Vielleicht verändert KI sogar das Berufsbild des Recruiters
Vielleicht verbringen wir weniger Zeit mit administrativen Aufgaben. Vielleicht werden bestimmte Prozesse deutlich schneller. Vielleicht wird KI ein ganz normales Werkzeug im täglichen Recruiting. Und vielleicht wird genau deshalb der menschliche Teil unserer Arbeit wichtiger – denn wenn Technologie die Routine übernimmt, können wir uns stärker auf Beratung und Kommunikation konzentrieren.
Das könnte bedeuten, dass Recruiter in Zukunft noch stärker als Berater wahrgenommen werden. Nicht nur als jemand, der Kandidaten sucht, sondern als Ansprechpartner für Unternehmen und für Menschen, die sich beruflich verändern möchten.
Ich sehe KI deshalb nicht als Konkurrenz
Ich kann nicht sagen, wie sich die Technologie in fünf oder zehn Jahren entwickeln wird. Aber selbst dann glaube ich, dass die Frage nicht nur lautet, was technisch möglich ist. Die entscheidende Frage ist: Was wollen wir als Menschen überhaupt automatisieren?
Nur weil eine KI theoretisch ein Bewerbungsgespräch führen kann, heißt das nicht automatisch, dass ein Unternehmen das auch möchte. Vielleicht ist genau der persönliche Kontakt Teil der Unternehmenskultur – und genau das in Zukunft sogar ein Wettbewerbsvorteil.
Was passiert, wenn alle Unternehmen KI nutzen?
Wenn irgendwann fast jedes Unternehmen KI im Recruiting einsetzt, ist KI alleine vielleicht gar kein besonderer Vorteil mehr. Dann stellt sich wieder eine andere Frage: Was unterscheidet die Unternehmen voneinander?
Vielleicht ist es der persönliche Umgang mit Bewerbern.
Vielleicht ist es die Geschwindigkeit der Rückmeldung.
Vielleicht ist es ein persönliches Gespräch.
Vielleicht ist es die Möglichkeit, mit einem echten Ansprechpartner zu sprechen.
Denn wenn alles automatisiert und standardisiert wird, kann persönliche Kommunikation plötzlich wieder etwas Besonderes sein.
Der Recruiter wird nicht verschwinden – aber er muss sich weiterentwickeln
Ich finde es nicht sinnvoll, KI grundsätzlich abzulehnen oder so zu tun, als würde sie keine Rolle spielen. Sie wird eine Rolle spielen, und wahrscheinlich eine immer größere. Deshalb sollten wir lernen, sie sinnvoll einzusetzen – ohne unsere eigene Erfahrung und unser Urteilsvermögen auszuschalten.
Und vor allem sollten wir nicht vergessen, dass hinter jeder Bewerbung ein Mensch steht.
Mensch und KI ist für mich die sinnvollste Kombination
Wenn ich die Entwicklung in einem Satz zusammenfassen müsste, wäre es für mich nicht „KI ersetzt Recruiter“. Für mich wäre es eher: KI verändert die Arbeit von Recruitern. Und das muss nicht negativ sein.
Wenn KI mir hilft, zwei Stunden Routinearbeit einzusparen, kann ich diese Zeit nutzen, um mit Kandidaten zu sprechen. Wenn sie mir hilft, Informationen schneller zu strukturieren, kann ich mich stärker auf die persönliche Einschätzung konzentrieren. Genau darin sehe ich den Mehrwert – nicht darin, den Menschen aus dem Prozess zu entfernen, sondern ihm bessere Möglichkeiten zu geben, seine eigentliche Arbeit zu machen.
Was bedeutet das für Unternehmen?
Es muss nicht darum gehen, möglichst viel zu automatisieren. Viel wichtiger ist die Frage: Welche Prozesse können durch KI besser werden, ohne dass die Qualität oder der persönliche Kontakt darunter leiden?
Vielleicht ist es sinnvoll, KI bei der Suche und Vorauswahl einzusetzen, bei administrativen Aufgaben oder bei der Erstellung von Stellenanzeigen. Aber bei wichtigen Gesprächen mit Kandidaten würde ich den menschlichen Kontakt weiterhin als sehr wertvoll ansehen. Denn eine Einstellung ist am Ende keine reine Datenentscheidung – ein Unternehmen entscheidet sich für einen Menschen, und ein Mensch entscheidet sich gleichzeitig für ein Unternehmen.
Und was bedeutet das für Bewerber?
Ich glaube, dass es in Zukunft noch wichtiger werden könnte, authentisch zu bleiben. Wenn Lebensläufe und Anschreiben immer einfacher mit KI optimiert werden können, rückt die persönliche Persönlichkeit vielleicht wieder stärker in den Vordergrund. Ein perfektes Anschreiben bringt schließlich wenig, wenn man im Gespräch nicht authentisch ist.
Mein persönliches Fazit
Ich habe persönlich keine Angst davor, dass KI den Recruiter von heute auf morgen überflüssig macht. Ich glaube vielmehr, dass sich unser Beruf weiterentwickeln wird: Bestimmte Aufgaben werden einfacher, andere werden automatisiert – und dafür werden andere Bereiche wichtiger.
Recruiting bedeutet für mich nicht nur, jemanden zu finden, dessen Lebenslauf zu einer offenen Stelle passt. Recruiting bedeutet, Menschen kennenzulernen, Unternehmen zu verstehen und herauszufinden, ob beide Seiten wirklich zusammenpassen. KI kann uns dabei unterstützen, uns Zeit sparen und Informationen liefern. Aber die Entscheidung, wie wir mit Menschen umgehen, sollte nicht vollständig automatisiert werden.
Die Zukunft des Recruitings heißt nicht Mensch oder KI. Sie heißt Mensch und KI. Hinter jeder Bewerbung steht ein Mensch — und genau das sollte auch im Recruiting der Zukunft nie vergessen werden.